• Karin Zeger

Den Chef persönlich verarztet

Die Schramberger Majolikafabrik (SMF) prägte das komplette Berufsleben von Heide Esslinger – selbst dann noch, als die Produktion Ende der 1980er-Jahre eingestellt worden war.


Für die Veranstaltung »Sofagespräche« des Städtischen Frauenbeirats hat die Keramikmalerin Heide Esslinger, Jahrgang 1943, ihre Geschichte zu Papier gebracht. Hier ein Auszug:

»Als ich in der Majolika angefangen hatte, war ich mit 14 Jahren die Jüngste. Mein Arbeitstisch stand in der alten Malerei, und ich war die erste Zeit wohl sehr schüchtern. Aber die älteren Maler waren alle sehr nett zu dem kleinen Mädele als Neuzugang. Die Arbeitszeit war in den 1950er-Jahren noch ziemlich lang: neun Stunden mit einer 30-minütigen Mittagspause. Der Stundenlohn lag bei 83 Pfennige, samstags wurde ebenfalls gearbeitet. Vor Weihnachten durfte ich mit einer anderen jungen Kollegin Glückwunschkarten als Beilage für die Lohntüten mit einer Gratifikation bemalen. Zeichnen in bunten Wasserfarben auf Papier war eine schöne Abwechslung. Das durfte nicht jeder! Es handelte sich um einen extra Auftrag des Chefs. Eines Tages rief mich mein Meister zu sich und meinte, Moritz Meyer, mein oberster Chef, würde ein Pflaster brauchen. Ich sollte es in sein Büro bringen. Herr Meyer hatte am Ohrläppchen geblutet und ich sollte ihm dort ein Pflaster anbringen. Ich war so aufgeregt, dass ich ihm das ganze Ohr zugeklebt habe. Das hätte ich aber sehr gut gemacht, sagte Herr Meyer darauf.

„Sie haben sicher einen Erste Hilfe Kurs beim Roten Kreuz gemacht?“

Mit rotem Kopf, aber stolz des Lobes, verneinte ich und zog wieder ab. Diese Story vergesse ich nie. Und es freut mich heute noch, dass ich Gutes getanhabe. Moritz Meyer war ein überaus netter Chef. Im Laufe der Zeit hatte ich schon ein ganzes Repertoire an Dekoren auf die unterschiedlichsten Gefäße aufbringen dürfen und die Arbeit machte großen Spaß. „Bayern“ hieß ein Dekor mit tanzenden Trachten in Lederhose und Dirndl. Diese wurden schabloniert und die Blumengirlanden wurden von Hand gemalt. Die Blütenblätter mussten schon mit einem Pinselschlag sitzen. Längere Übungszeit benötigte ich für die Rosendekore. Schließlich sollten alle gleich aussehen. Riesige Sparschweine wurden ebenfalls von mir bemalt. Diese konnte man an fast jedem Sparkassenschalter bewundern.


Des Öfteren durfte ich auf Ausstellungen und Berufsorientierungsveranstaltungen zeigen, wie die Keramikmaler die Waren der Majolika verschönern. Das Schwarzwalddekor „Rembrandt“ war ausschließlich den männlichen Malern vorbehalten was mir gar nichts ausmachte, da dieses Dekor über Glasur aufgetragen wurde und die mehlige Glasurfarbe immer etwas staubig war.


Auch wenn meine Jungmädchenzeit in der Majolika so schön war, hatte ich trotzdem zwischendurch das Verlangen nach Veränderung. Deshalb hatte ich mich in einer keramischen Werkstätte in Isny/Allgäu als Malerin beworben. Und so musste ich mich zwischen drei Sachen entscheiden: Isny, England (mit meiner Freundin, um weiter Englisch zu lernen) oder in Schramberg bleiben, um meinen Freund nicht zu verlieren. Ich entschied mich für meinen Freund, blieb in der Majolika und heiratete.


Zwischenzeitlich bekam die SMF einen Neuzugang mit der schwedischen Designerin Solveigh Erikson.

Sie brachte skandinavische Muster mit, während gleichzeitig der rustikale Trend der Bauerndekore zu spüren war. Ich fand dies sehr spannend und hatte das große Glück, viele ihrer Dekore umsetzen zu dürfen. Als unser Sohn auf die Welt kam, verließ ich die Majolika, um für die Familie da zu sein. Es dauerte zwei Jahre und die Firma rief mich an, ob ich nicht wiederkommen wolle. Eigentlich gefiel es mir zu Hause immer noch sehr gut und ich verneinte zunächst. Dann bekam ich das Angebot, von zu Hause aus zu arbeiten. Ich sagte zu, schaffte mir einen angenehmen Arbeitsplatz in unserem Hobbyraum, bei schönem Wetter im Garten und war also ab jetzt Keramikmalerin in Heimarbeit.



Auf einer Palettentrage brachte xxx Bächle, inzwischen vom Obermaler zum Meister aufgestiegen, zusammen mit Chauffeur Reinhard Emminger alle zwei Wochen circa 400 Tassen oder Milchkännchen zu mir und ich bemalte diese mit dem Erfolgsdekor „Bernau“. Dass daraus fast 13 Jahre werden sollten, war anfangs nicht zu ahnen. Auch eine gute Zeit, die ich nicht missen möchte. Ab 1983 war ich wieder halbtags in der Majolika beschäftigt, zunächst im Siebdruck. Dort lernte ich viele ausländische talentierte Kolleginnen kennen, was eine echte Bereicherung war. Eines Tages wurde ich sogar in das Geheimnis der italienischen Küche eingeführt. Meine Nachbarin hatte in einem Gefäß Artischocken dabei, welche sie in der Pause am Brennofen kochte. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, wie man Artischocke kocht und isst.


Neue Aufgabe


Trotzdem war ich froh, als ich wieder in der Malerei meine unterschiedlichsten Steingutartikel bemalen durfte. Denn zu Ende der Majolika-Ära wollten anscheinend alle Besitzer eines Services noch ein uraltes, zerbrochenes Teil erneuert haben. Und jetzt war ich wieder gefragt – ich wusste ja noch wie die Malschritte der einzelnen Dekore, auch die der 1960er-Jahre, zu malen sind. Die letzte Zeit in der Majolika war sehr bedrückend. Jeden Tag fehlte jemand anders. Ich hatte gar keine Lust, mir eine neue Aufgabe zu suchen. Was kann eine Keramikmalerin denn sonst noch anfangen? Diese Frage stellte mir auch das Arbeitsamt und schickte mich in einen Kurs für Frauen nach der Familienphase. Ich wollte doch nur einen Job, bei welchem ich noch viel lernen konnte. Und ich habe ihn tatsächlich gefunden! 1991 vermittelte mich das Arbeitsamt indas Stadtmuseum Schramberg. Dort wurde zur Inventarisierung der vielen SMF-Gegenstände, welche sich seit der Museumseröffnung angesammelt hatten, ein Experte gesucht. Ich bekam die Stelle und ich kann sagen:

Diese zwölf Jahre bis zu meiner Pensionierung war die beste und interessanteste Zeit meines Lebens. Ich habe sovieles dazugelernt.«

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